Schwimmst du, um zu gewinnen – oder nicht zu verlieren?

by Daniela Kapser 0

August 28th, 2017 Deutsch

Schwimmst du um zu gewinnen oder nicht zu verlieren? (Und warum der Unterschied wichtig ist.)

Wenn wir Kinder sind, scheint die Welt keine Grenzen zu haben, alles scheint möglich. Kein Traum ist zu groß und kein Ziel ist unerreichbar. Mit noch viel Zeit vor uns und jugendlicher Unbekümmertheit meinen wir, die Welt im Sturm erobern zu können.

Aber wenn man älter wird, sagen uns Andere, was nicht getan werden kann oder nicht getan werden sollte. Und irgendwann geht mit der Zeit die kindliche Neugier und der Enthusiasmus leider verloren – weil uns so viele Leute sagen, dass wir verrückt sind, hochgesteckte Ziele und Träum zu haben und diese nie erreichen können, dass es unrealistisch sei – und irgendwann glauben wir ihnen.

Nach einer Weile hört man dann auf, sich auf die Dinge zu fokussieren, die man noch erreichen will und verharrt im Status Quo, will nur noch die Dinge halten, die man bereits erreicht hat. Wir bleiben dann lieber auf der sicheren Seite, hören auf, zu träumen und Chancen zu erkennen und zu nutzen – im Schwimmsport führt dies ganz  schnell dazu, dass wir uns nicht mehr verbessern – während andere Teamkameraden sich weiter entwickeln und uns hinter sich lassen.

Dieser Unterschied ist auch zu erkennen zwischen den Athleten, die schwimmen, um zu siegen und denjenigen, die schwimmen und nicht verlieren wollen.

Um es auf den Punkt zu bringen:
Wer schwimmt, um zu gewinnen, der

  • Ist lösungsorientiert und sucht kreativ nach immer neuen Möglichkeiten, sich zu verbessern.
  • Denkt in anderen Dimensionen und setzt sich höhere Ziele.
  • Ist ein hoffnungsloser Optimist und wird in jeder Situation immer etwas Gutes finden.
  • Plant immer eine sehr gute Leistung ein und denkt gar nicht an einen Plan B.
  • Denkt ständig darüber nach, wo er hin will – und nicht darüber, wo er bereits als Athlet angekommen ist.

Umgekehrt, wer schwimmt, um nicht zu verlieren, der

  • Hört auf, sich auf sich selbst und seine Leistung zu fokussieren und ist nur noch damit beschäftigt, was die anderen tun. (Sie sind ja sowieso besser als ich.)
  • Steckt seine Energie in den Gedanken, zu verlieren und welche Folgen dies haben könnte. (Ich fühle mich jetzt schon schlecht.)
  • Malt sich schon genau aus, was passiert, wenn er zwar alles gibt aber nicht erfolgreich ist. (Alle denken, ich bin ein Verlierer.)
  • Glaubt Leute, die ihm sagen, nur ein Träumer und Spinner hat außergewöhnliche Ziele. (Ich möchte ja nicht dumm oder unrealistisch sein.)
  • Ist fokussiert, den Status Quo zu halten – deswegen ist er sehr vorsichtig, wie er seine Ziele ansetzt. (Alle werden sagen, haben sie ja gleich gewusst, dass ich das nicht schaffe.)
  • Wird an einen Punkt in seiner Karriere kommen, wo er zu dem Ergebnis kommt, dass er es nicht verdient hat, zu gewinnen und dann wird er seine Erwartungen soweit zurückzustellen, dass er froh ist, nicht zu verlieren. (Ich habe eben nie mal Glück und verdiene auch nichts Besseres.)
  • Leistet im Training und Wettkampf nur das, was unbedingt nötig ist, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass noch eine Reserve das ist: „ Ich könnten schneller sein, wenn ich wollte.“

Forschungen haben tatsächlich ergeben, dass zwischen Athleten, die schwimmen, um zu gewinnen gegenüber denjenigen, die schwimmen, um nicht zu verlieren, ein Leistungsunterschied besteht. In 30 Jahren wurden Resultate im Fußball ausgewertet bei Welt- und Europameisterschaften und zwar sahen sich die Forscher das Elfmeterschießen an:

  • Wenn ein Spieler wusste, dass sein Schuss spielentscheidend ist, dann trafen 92% der Spieler das Tor.
  • Wenn ein Spieler mit einem Punkt zurück lag und er musste treffen, um gleichzuziehen oder nicht zu verlieren, dann trafen nur 62%.

Rein mit dem Wissen, dass der mögliche Sieg zum Greifen nahe lag, war die Trefferquote 30% höher als mit der Aussicht, zu verlieren oder „nur“ gleichzuziehen. Die Grundbedingungen bei den Schüssen sind immer gleich: 11 m vor dem Tor, da steht nur ein Mann drin und der Kasten hat immer dieselbe Größe. Und der Ball ist auch für alle gleich. Der Unterschied lag also rein in der mentalen Herangehensweise an diesen einen Schuss. Diese eine Chance.

Wenn du dir jetzt einige der Verhaltens- und Denkweisen bei dem “ich will nicht verlieren” Schwimmer bekannt vorkommen – entspann dich. Relax.

Hier sind fünf Tipps wie du dich zu einem Athleten entwickeln kannst, der schwimmt, um zu gewinnen.

  1. Beende, was du angefangen hast. Bist du der Typ Schwimmer, der 80% im Training gibt? Oder der gerne mal eine Serie auslässt oder „sich verzählt“ oder es steht jemand vor der Uhr und du machst länger Pause? Gewöhne dir an, alles zu beenden, was du anfängst – Schluderei und Schummelei werden schnell zur Gewohnheit und werden sich auch im Wettkampf einschleichen. Denk immer daran: No excuses. Keine Entschuldigungen – denn sie sind die Nägel, die das Haus des Versagens zusammenhalten.
  2. Konzentriere dich auf DICH. Setze Ziele für DICH und beschäftige dich nicht mit den Leistungen der anderen. DEIN Training und DEINE Vorbereitung haben nichts mit anderen Schwimmern zu tun. (Look in the mirror – that’s your competition. Sei auf DICH fokussiert – damit DU besser wirst.)
  3. Sei aggressiv. Wenn du eine gewisse Dynamik erreicht hast – nutze den „Flow“ und lasse nicht los, sondern ziehe immer mehr Nutzen daraus und baue auf dieser Energie auf. Genau wie bei einem Rennen, greife an, schwimme mit Selbstvertrauen und Energie vom Start bis zum Anschlag.
  4. Trau dich, große Träume zu haben – „dream big“. Verliere den kindlichen Enthusiasmus nicht. Klar, manche Dinge, die du als Kind wolltest, sind schon ein WENIG unrealistisch (Ich wäre gerne Optimus Prime … , okay ….), aber das bedeutet nicht, dass du nicht weiter versuchen sollst, hochgesteckte Ziele zu erreichen. (Dream big or go home …. Motto von George Bovell oder Go big or go home – Ryan Lochte.)
  5. Hör auf mit den negativen Selbstgesprächen und Gedankenspielen. Diese sind die Wurzel allen Übels – und die Ursache, warum du auf die „ich will nicht verlieren“-Seite gerätst. Die Zweifel, das Abwägen, die Gedanken, dass du Erfolg nicht verdienst und nicht so viel wert bist wie andere. Positive Gedanken haben den gegenteiligen Effekt, denn sie erzeugen positive Emotionen – und dies führt zu einer entspannten, fokussierten und sicher besseren Leistung. „DU bist dort, wo DEINE Gedanken sind. Sieh zu, dass DEINE Gedanken da sind, wo DU sein möchtest.“ (Rabbi Nachmann)

Hier ist der englische Originalartikel:

Der Autor des englischsprachigen Originalartikels, Olivier Poirier-Leroy ist ein ehemaliger kanadischer Schwimmer, der in Victoria, British Columbia, Canada lebt. Da er immer dem Schwimmen verbunden geblieben ist, hat er YourSwimBook (yourswimlog.com) gegründet, ein individuelles Logbuch rund um das Training und Bestzeiten. (Die Übersetzung erfolgte sinngemäß und mit einigen Ergänzungen.)

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