Olympiasiegerin Simone Manuel spricht über die Diagnose “Overtraining-Syndrome”

by Daniela Kapser 0

June 20th, 2021 Deutsch

Olympiasiegerin Simone Manuel wird ihren olympischen Titel über 100 Freistil nicht verteidigen können. Die 24-Jährige schied bereits im Halbfinale über 100 m Freistil als Neunte bei den US Olympic Trials aus. Manuel gewann bei den olympischen Spielen 2016 in Rio Gold über 100 m Freistil und mit der 4×100 m Lagenstaffel sowie Silber über 50 m Freistil und mit der 4×100 m Freistilstaffel. Bei der WM 2019 in Gwangju holte sie insgesamt 7 Medaillen darunter viermal Gold über die 50 m und 100 m Freistil sowie mit der 4×100 m Freistil sowie Mixed Lagenstaffel. Bereits 2017 gewann sie bei der WM in Budapest Gold über die 100 m Freistil. Simone Manuel ist die erste Afroamerikanerin, die eine olympische Goldmedaille gewinnen konnte.

Manuel belegte  im Halbfinale bei den US Trials den 9. Platz mit einer Zeit von 54,17. Manuel sagte nach dem Rennen, dass bei ihr im März ein “Overtraining Syndrome” (Übertrainingssyndrom) diagnostiziert wurde und sie bis April nicht im Wasser war. Simone Manuel trainiert in Stanford bei Coach Greg Meehan, der auch Katie Ledecky betreut. Ledecky sagte vor den US Trials, dass sie zum ersten Mal seit 2 Jahren für einen Wettkampf getapert hätte.

Heute Abend hat die 1,80 m große Athletin noch eine weitere und letzte Chance, sich für die Olympischen Spiele in Tokio zu qualifizieren, nämlich über die 50 m Freistil.

Nach dem Halbfinale über 100 m Freistil gab Manuel in einer Pressekonferenz bekannt, dass sie sich eine Auszeit genommen hatte, nachdem bei ihr im März das Overtraining-Syndrome” diagnostiziert worden war. Manuel sagte, dass sie eine Reihe von Symptomen hatte, darunter eine erhöhte Herzfrequenz im Ruhezustand oder unter leichter Belastung, Schlaflosigkeit, Depressionen, Angstzustände und extreme Müdigkeit. “Ich denke, [die Pandemie] könnte eine Rolle dabei gespielt haben”, sagte Manuel. “Und ich denke, dass es eine Rolle gespielt hat, eine schwarze Person in Amerika zu sein. Dieses letzte Jahr für die schwarze Gemeinschaft war brutal… das ist etwas, das ich nicht ignorieren kann.” Mit dieser Aussage bezog sie sich auf die in den USA immer noch herrschende Diskriminerung von Afroamerikanern und Rassenunruhen wie nach der Ermordung des Schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten in Minneapolis im  Mai  2020. Es wurde in den USA immer wieder eine Diskussion über die Rassendiskriminierung geführt. Manuel, die immer noch eine der wenigen schwarzen Schwimmerinnen in der US-Nationalmannschaft ist, musste oft eine Führungsrolle in dieser Diskussion einnehmen, da sie, wie der US Journalist Tirico ausführte, “eine der wenigen – nicht nur in Amerika, sondern in der ganzen Welt – schwarzen Eliteschwimmerinnen ist. Nachdem sie in Rio Gold gewonnen hatte, wurde sie zu einer Person, die immer zu diesem Thema gefragt wurde.” Auch diese Diskussionen können zu ihrer Erschöpfung beigetragen haben, zumal sie zusätzlich während der Pandemie nicht nach Hause reisen und sich im Kreise der Familie erholen konnte.

In der Pressekonferenz (siehe Video unten) war Simone Manuel immer wieder den Tränen nahe, aber sie sprach darüber, wie wichtig es ist, sich um die eigene mentale Gesundheit zu kümmern, und sagte, sie hoffe, dass sie andere Schwimmer dazu ermutigen kann, sich damit zu beschäftigen.

 

Zitat aus der Pressekonferenz:

“Ungefähr vor 11 Wochen, wurde bei mir OTS, das Übertrainingssyndrom, diagnostiziert. Ich habe mich in der Woche vor der San Antonio Pro Swim Serie im März ziemlich schlecht gefühlt und bin nach diesem Wettkampf zum Arzt gegangen, und da wurde die Diagnose gestellt. Der Wettkampf war in San Antonio. Ich ging zu einem Arzt in Houston, weil ich meine Familie für eine Weile besuchen wollte. Danach kehrte ich nach Stanford zurück  und modifizierte mein Training so weit wie möglich, wollte aber im Training bleiben. Nach, ich glaube, zwei Wochen modifiziertem Training, sah ich keinen Fortschritt bei meiner Leistung im Schwimmbecken, es wurde sogar noch schlimmer. Von diesem Moment an nahm ich auf Anraten der Ärzte und von Greg (Anm. ihr Trainer) Ende März eine dreiwöchige Auszeit, komplett ohne Schwimmtraining. Ich kann mich nicht mehr an das genaue Datum erinnern, aber ich weiß noch, dass mein erster Termin zurück im Training der 17. April war.”

Das Overtraining Syndrom ist vergleichbar mit einem Burn-Out, ausgelöst durch zu viel Arbeit, zu viel Druck, Unzufriedenheit, Überbelastung im privaten und beruflichen Bereich. So sind die Symptome ähnlich: Die Sportler fühlen sich ausgelaugt und müde. In einem Artikel des Owayo Magazins (owayo.de) wurden Prof. Lars Donath von der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) und Dr. Oliver Faude von der Universität Basel befragt, was mit Übertraining überhaupt gemeint ist.

Als einige typische Symptome von Übertraining wurden diese chronischen Überlastungsreaktionen genannt:

  • “Schmerzen (generell, in den Beinen, in Muskeln oder Gelenken, Kopfschmerzen)
  • Müdigkeit, Ausgelaugtsein, Mangel an Energie, Schwäche
  • Schlaflosigkeit
  • Unfähigkeit zu entspannen, erhöhte Nervosität, Unruhe
  • Geringe Ausdauer
  • Erhöhter Blutdruck
  • Verminderte Widerstandskraft gegen Krankheiten (z.B. Erkältung, Halsschmerzen)
  • Häufige Verletzungen
  • Hormonelle Störungen: Erzeugung von zu viel Cortisol und zu wenig Testosteron
  • Bei Frauen: Veränderung des Menstruationszyklus”
Entstehen kann der Zustand des Übertrainings, wenn “Sportler dauerhaft zu intensiv und/oder zu häufig trainieren und/oder keine ausreichenden Regenerationsphasen zwischen den Trainingseinheiten einhalten. Das Übertrainingssyndrom äußert sich in einem Leistungsabfall des Sportlers, „der auch nach einer verlängerten Regenerationsphase noch nachweisbar ist“, wie die Trainingswissenschaftler erklären. Es treten mehr oder weniger ausgeprägte subjektive Beschwerden auf, für die es keine organische Ursache gibt.”

Und irgendwann reagiert der Köper:  „Eine chronisch hohe Stressbelastung beziehungsweise Stresshormonausschüttung kann zu einer gegenregulatorischen Antwort der stressregulierenden Systeme, im Wesentlichen der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, führen. Dies hat wiederum Einfluss auf die hormonelle und immunologische Regulation, auf das Herz-Kreislaufsystem, den Stoffwechsel und das Zentrale Nervensystem sowie das autonome Nervesystem”, erläutern Lars Donath und Oliver Faude in dem Artikel.
Der Organismus sorgt sozusagen zu seinem eigenen Schutz dafür, dass der Mensch sich nicht mehr so hoch belasten kann. So wie bei Simone Manuel geschehen, deren Ausscheiden über die 100 m Freistil eine der ganz großen Überraschungen bei den US Olympic Trials war, die alles im Vorfeld tat, um auf ihr gewohntes Leistungsniveau zu kommen, aber scheiterte. Und sich sowieso vorgenommen hat, spätestens nach den Olympischen Spielen eine längere Auszeit zu nehmen. Im August wird sie 25, in drei Jahren finden schon die nächsten Olympischen Spiele statt.

 

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