Jörg Hoffmann – vom Meisterschwimmer zum Meistermacher

by Daniela Kapser 2

February 04th, 2016 Deutsch

Am Beckenrand ist Jörg Hoffmann schon aufgrund seiner Körpergröße von 1,97 m nicht zu übersehen und eines steht fest: Jörg Hoffmann ist im deutschen Schwimmsport eine feste Größe – früher als Schwimmer, heute als Trainer. Hoffmann kann auf eine eigene großartige Karriere zurückblicken: 1991 in Perth bei den Weltmeisterschaften gewann er Gold über die 400 m und 1500 m Freistil, in Barcelona 1992 bei den Olympischen Spielen Bronze. Bei den Kurzbahn- Europameisterschaften gewann er 1989, 1991, 1993 und 1995 jeweils Gold über die 1500 m Freistil. Über seine Paradestrecke konnte er bei den Kurzbahn-Welt-meisterschaften im Jahr 2000 und bei den Europameisterschaften 2001 auf der 25 m Bahn nochmals triumphieren – 2001 immerhin schon 31 Jahre alt. Jörg Hoffmann war der erste deutsche Schwimmer, der die 1500 m Freistil unter 15 Minuten geschwommen ist. Er hält seit dem 13.01.1991 den Deutschen Rekord (50 m Bahn) über 1500 m Freistil mit 14:50,36 Minuten und noch diverse deutsche Altersklassenrekorde über die 1500 m Freistil.

Mit 32 Jahren hat er die Badehose an den Nagel gehängt, weil er zum ersten Mal Vater geworden ist. Er wollte zu Hause sein, um seine Tochter aufwachsen zu sehen. „Ich habe Forstwirtschaft studiert, um Ruhe zu haben, weil ich so ausgebrannt gewesen bin von dem ganzen Rummel und dem Leistungssport. Und dann hat sich aber ergeben, dass es in Brandenburg in der Forstwirtschaft keine richtige Perspektive gab und dann kam ich doch wieder zum Sport zurück. Und dann hat es mir mit meiner Trainingsgruppe so richtig Spaß gemacht.“ Die Erfahrungen, die er auf allen großen Schwimmbühnen gesammelt hat, kann er heute an seine Schwimmer weitergeben: „Ein großer Vorteil ist, dass ich weiß wie man an so große Wettkämpfe herangeht, als Aktiver wurde ich auch nervös, war überkonzentriert, die Situationen, die die Sportler jetzt durchlaufen, kenne ich aus eigener Erfahrung. Da kann ich gezielt Ratschläge geben für Situationen, auch wenn es mal nicht so gut läuft – aus meiner Sichtweise kann ich ähnliche Situationen wie ich sie damals erlebt habe, gut nachvollziehen und meine Schwimmer unterstützen.. Ich weiß, was schief gehen kann, und der andere Vorteil ist natürlich, wenn man ein gewisses Leistungsniveau im Sport erreicht hat, dann weiß man natürlich, wie man ans Training oder den Wettkampf herangehen muss.“ Bei Wettkämpfen ist der 46-Jährige am Beckenrand eher von der ruhigen Sorte, bei den Deutschen Meisterschaften sucht er sich in der Schwimmhalle im Europasportpark (SSE) immer den Platz ganz oben auf der Empore aus, um Zwischenzeiten zu nehmen und die Rennen seiner Schwimmer ungestört beobachten und analysieren zu können. Jörg Hoffmann hat in seiner Trainingsgruppe einige der schnellsten und erfolgreichsten Rückenschwimmer in Deutschland wie Christian Diener (Vize-Europameister 2014 über 200 m Rücken), Yannick Lebherz (Europameister 2010 über die 200 m Rücken) und Felix Wolf, der den deutschen Kurzbahnrekord über die 200 m Rücken hält und außerdem ein exzellenter 200 m Freistilschwimmer ist.

Seine Schützlinge müssen sich seiner Meinung nach heute vielen Herausforderungen stellen, die er früher so nicht kannte: “Es ist im Schwimmsport alles viel schneller, viel professioneller geworden, nicht nur die Trainingssteuerung, sondern es gibt viel mehr Wettkämpfe auf Top Niveau, die Dichte ist viel größer geworden in der Weltspitze, zu meiner Zeit kannte ich meine 4-5 wichtigsten Konkurrenten. Heute fängt es schon im Halbfinale an, die Zeiten liegen oft innerhalb von ein paar Zehnteln.“ Seine Aufgabe als Trainer sieht er auch darin, “dass sich Trainingsserien nicht allzu oft wiederholen und ich versuche, neue Dinge im Training zu machen, aber dies muss natürlich ständig überprüft werden, denn bei neuen Serien weiß ich nicht, ob sie funktionieren. Ich war da als Sportler sehr stumpfsinnig, ich war froh, wenn ich immer dasselbe machen konnte, aber es sind eben nicht alle so, ich habe viele Sportler, die möchten eine spielerische Komponente, die wollen Rock’n Roll im Training, da muss ich mit meinen Trainingsplänen schon flexibel sein.“ Er sagt, dass es seiner eigenen Einschätzung nach ungefähr 10 Jahre gedauert hat, bis er von der Trainingsmethodik, die er gewohnt war, weggekommen ist. Heute hält er ständig Augen und Ohren offen und sucht nach neuen Möglichkeiten im Becken aber auch im Bereich des Mentaltrainings, um seine Schwimmer zu unterstützen. In Potsdam gibt es eine Hypoxie-Kammer, in der in künstlicher Höhe trainiert werden kann. Bei solchen Maßnahmen werden permanent die Effekte auf die Schwimmer geprüft – er sagt, dass z.B. Christian Diener die künstliche Höhe gar nicht verträgt, selbst wenn er nur locker trainieren soll, er aber Yannik Lebherz voll ausbelasten kann. Optimal fände er aber noch eine Ergänzung mit Ruhemöglichkeiten in der künstlichen Höhe, da eigentlich in der Ruhephase die besten Effekte eintreten.

Zur Entwicklung im Schwimmsport und dem in London mit Null Medaillen im Beckenschwimmen schlechten Ergebnis, meint er: „Ich glaube, dass es mit einer Sportart auch ein bisschen zyklisch geht, es gibt Nationen, die sind mal ganz oben und dann sind sie wieder weg und dann wieder da, du brauchst da immer Leader, so ein bis zwei Leute, die vorne weg gehen. Und alle anderen mitziehen. Dann kommt eine neue Generation die da auf den Zug aufspringt  – wir hatten da so ein Phase, da kam keiner an den „Großen“ vorbei, da stirbt dann ein Nachwuchsjahrgang quasi aus, weil er an den Guten nicht vorbei kommt , dann muss eine neue Generation erst wieder aufgebaut werden – ich glaube, dies ist so eine normale Entwicklung im Sport, die jeder mal durchmacht. Aber ich denke, wir sind da auf einem guten Weg, aus dem Loch wieder herauszukommen.“ Um guten Nachwuchs zu finden und dauerhaft im Sport zu halten, wird aber natürlich Geld gebraucht, die „wirtschaftliche und soziale Absicherung nach dem Sport in Deutschland wäre wichtig.“ Ideal findet er die Bedingungen in den USA, wo talentierte Athleten Schulstipendien bekommen, die bis zu 100.000 Euro wert sind – und dies stellt ist sicher eine Motivation für Jugendliche, intensiv einen Sport zu betreiben.

Jörg Hoffmann bezieht seine Motivation aus dem Einsatz, den seine Trainingsgruppen zeigen und natürlich den Erfolgen, die konstant über viele Jahre erreicht wurden. Und er ist überzeugt. „Ich habe meinen Traumjob gefunden.“

 

Berlin, 3. Mai, Jörg Hoffmann; Henning Lambertz

Jörg Hoffmann; Bundestrainer Henning Lambertz (Foto: Mirko Seifert)

 

 

Essen, 19. Juli, Essener Sparkassen-Challenge 2014, Christian Diener; Jörg Hoffmann

Christian Diener; Jörg Hoffmann (Foto: Mirko Seifert)

 

 

 

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Sergio Lopez Miro

Great Coach and Great Friend!

As a swimmer I always liked watching Jorg race and fight from the first stroke without never giving. Tough as nails 😉

I had the privilege these past few years to share pool time with him and his swimmers at several camps and really enjoyed and learned a lot from him and his swimmers.

Best of luck!
I used goggle translate to understand this article 😉

Daniela Kapser

Thank you for your comment! I’am sure Jörg Hoffmann appreciates! An english version follows. And he mentioned you in the interview too!

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